Das Angebot an Bewegungsergänzung zum Ausgleich für die sitzende Lebensweise ist heute bereits sehr breit gefächert (vom Fitnessstudio über Tai Chi bis hin zu Nordic Walking) und wird zukünftig sicherlich noch weiter ausgebaut. Hier zeigt sich, wie die Verhältnisprävention (Verfügbarkeit von Fitnesseinrichtungen, Sportvereine etc.) ganz wesentlich die Effizienz der Maßnahmen zur Verhaltensprävention unterstützt.
Warum sollte nicht Ähnliches im Bereich der Nahrungsergänzung als effektive Verhältnisprävention (problemlose Verfügbarkeit) möglich sein? Die Vorbehalte einiger Ernährungsgesellschaften mögen ja zum Teil zu Recht bestehen. Allerdings lehrt ein Blick zurück in die Medizingeschichte anderes:
Hier findet sich als klassisches Beispiel für die Wirksamkeit der Verhältnisprävention die weitgehende Beseitigung des Jodmangels in Deutschland. Auch dieses Ziel wurde nicht durch eine primäre Änderung des Ernährungsverhaltens per se erreicht: Der nunmehr seit Jahrzehnten geforderte Verzehr von 2 Fischmahlzeiten pro Woche (seinerzeitig wegen des Jodmangels, aktuell wegen der Omega 3 Fettsäuren) hat zu keinem veränderten Verzehrsverhalten geführt!
Erst die Entwicklung der Jodtabletten und des jodierten Speisesalzes als Nahrungsergänzung haben das Problem gelöst: Durch die einfache und ständige Verfügbarkeit von Jod in der täglichen Ernährung wurde das seit Jahrhunderten bestehende Problem der Kropfbildung in Deutschland weitgehend beseitigt.
An eine Nahrungsergänzung zur Behebung des Mangels an Mikronährstoffen sind sicherlich weit höhere Anforderungen zu stellen als an ein Präparat zur Beseitigung des Mangels an einem einzelnen Spurenelement (wie Jod).
Künstliche Multivitaminprodukte, wie sie im vergangenen Jahrzehnt propagiert wurden, genügen hier nicht, da selbst 10 und mehr verschiedene, hoch dosierte Vitamine nicht ausreichend sind, um die Bandbreite des Bedarfes an Tausenden von Mikronährstoffen aus Obst und Gemüse im Körper abzudecken.
Darüber hinaus haben zahlreiche wissenschaftlichen Studien gezeigt, dass die vorbeugende Zufuhr einzelner Vitamine insbesondere in erhöhter Dosierung dem Körper nicht nur wenig nützt, sondern ihn sogar schädigen kann (z.B. Collaborative Group, heart protection study*)
Wenn also eine effektive Nahrungsergänzung durchgeführt werden soll, dann kann dies nur mit einem Konzentrat aus natürlichem, vollreifen Obst und Gemüse geschehen, das so schonend hergestellt wird, dass die benötigten Stoffe nicht nur erhalten, sondern auch für den Körper verfügbar bleiben. Dies muss sich dann selbstverständlich mit Hilfe moderner Labormethoden in entsprechenden wissenschaftlichen Studien nachweisen lassen.
Bedenklich erscheint hingegen die Zufuhr einzelner künstlich hergestellter Substanzen in speziellen Nahrungsmitteln für besondere Zwecke. So werden aktuell zum Beispiel Schwangerschaftsriegel mit Folsäure angeboten, um kindliche Missbildungen der Wirbelsäule zu verhindern. Dies ist sicherlich besser als gar nichts zu tun! Andererseits können solche Einzelprodukte zu unkontrollierten Gesamtmengen kumulieren, da nicht vorhersehbar ist, wer wann was verzehrt. Eine ganzheitliche, natürliche Vorsorge mit einem Präparat aus Obst und Gemüse ist daher entschieden vorzuziehen, zumal Prävention sich nicht an einer (zufällig bekannten?) Mangelsituation orientiert, sondern möglichst umfassend lebenslang vorbeugend praktiziert werden sollte.
Kommen wir noch einmal zum Fischverzehr. Auch heute wird wieder gefordert, mindestens zweimal pro Woche fetten Seefisch zu essen. Als Grund wird jedoch nicht mehr der Jodmangel angegeben sondern der Bedarf des Köpers an Omega-3 Fettsäuren. Da in Deutschland aktuell wie seinerzeit diese Menge Fisch von den meisten Menschen nicht verzehrt wird, bietet sich als effiziente Alternative eine Nahrungsergänzung mit Omega-3 Fettsäuren an, um die Entstehung von zahlreichen chronischen Erkrankungen zu verhindern.
Eine "pauschale Verteufelung" der Nahrungsergänzung ist daher nicht korrekt! Vielmehr muss sich auch die Ernährungswissenschaft intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen, um die "Spreu vom Weizen" in diesem, zum Teil kaum noch überschaubaren, Angebot auf dem Markt zu trennen.
Die Sportmedizin hat dies erfreulicherweise in den vergangenen Jahren bereits mit großem Erfolg getan und umfangreiche Daten zur "Bewegungsergänzung" erarbeitet, die allgemein zur Verfügung stehen - wenn leider auch noch nicht ausreichend genutzt. Ähnlich wissenschaftlich abgesicherte Daten benötigen wir auch für den Bereich der Nahrungsergänzung, um dann gezielt Empfehlungen aussprechen zu können.
Das Ausmaß der Effektivität zukünftiger Gesundheitsvorsorge im Bereich der Ernährung wird ganz entscheidend davon abhängen, dass es gelingt, durch gezielte Verhältnisprävention die Verfügbarkeit der erforderlichen Nahrungsbestandteile auf breiter Basis sicherzustellen.
* Eine Zusammenfassende Aufstellung der zitierten Veröffentlichungen findet sich unter dem Menüpunkt Literatur